Lifestyle „Twenty Ten“: Nein zum „Ja“

Die 10er Jahre haben begonnen und es entspricht der Tradition die Vorgängerjahre (die 0er) Revue passieren zu lassen. Gehen wir eine weitere Dekade zurück zum Ende des letzten Jahrhunderts. Die 90er haben uns dem Anfang von dem gebracht, was wir damals noch „Cyberspace“ nannten. Das WWW schlüpfte aus dem Ei. War es Anfangs eher eine Art CB-Funk für Geeks (gab es den Begriff Geek damals schon?), wurde es zu Beginn des neuen Jahrtausends das Objekt wilder Spekulationen, bis der Neue Markt und die Dotcom-Blase platzte. Ich weiss, mittlerweile will das niemand mehr hören (vor allem angesichts der neuen Hypes des späten Web 2.0 – ja Web 3.0 oder Web Squared gar). Was sich aber im Verlauf geändert hat war eher eine stille Revolution. Keine manuelle und teure Einwahl ins Internet, Webseiten sind kein Fall für Spezialisten mehr. Die Internet-Flatrate, die Eintrittskarte zum WWW, hat sich zum Telefonie-Komlettpaket dazugesellt, Weblogs und Wikis erfreuen sich großer Beliebtheit, Facebook und Twitter sind hip, jeder kann mitmachen. Anfangs der 90er waren Mobiltelefone noch etwas für Angeber, heutzutage ist die erweiterte Realität (AR) auf Smartphones schon fast ein alter Hut. Wir haben diese neuen Technologien, belächelt, bestaunt oder vielleicht sogar gefürchtet. Jetzt wenden wir sie an, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe (Abb.).

Zeitachse Web 1.0 - 4.0

Abb.
:
 Zeitachse der Web-Evolution. Als „The fertile Verge“ wird der Zeitabschnitt bezeichnet, der zwischen der Generation von Web 1.0- und Web 2.0-Anwendungen und Diensten verstrichen ist.

Bringen wir nun einen interessanten Vergleich mit ins Spiel, indem wir unser menschliches Gehirn mit einer Festplatte gleichsetzen. Im Laufe der Zeit hat sich unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Medien, Netzwerke und Technologien fragmentiert, zersplittert, verlaufen oder zerstreut – wie eine alte Festplatte quasi. Das Echtzeit-Web, eine wertvolle Informationsquelle ist zugleich eine schreckliche Zeitfalle und momentan können wir die Flut von Informationen nur schlecht bändigen. Nun sollten wir diese neue Ära nutzen, eine Art digitale Defragmentierung vorzunehmen, unsere Aufmerksamkeit neu bündeln und zu alter Produktivität zurückzukeheren. Eine praktikable Variante zum geistigen Defragmentieren schlägt hier beispielsweise John Mayer (Quelle: Techcrunch) vor – es muss ja nicht gleich Web 2.0-Selbstmord sein.

Mayer schlägt Folgendes vor, um den zerstreuten Geist wieder zu ordnen:

  • Das Defragmentieren startet um 9 Uhr vormittags 2010-01-01 und endet 2010-01-08 zur selben Zeit.
  • E-Mails werden nur von Desktop- oder Notebook-Computern geschrieben.
  • Mobiltelefone werden nur zum Telefonieren benutzt.
  • Soziale-Netzwerk-Websites sind komplett tabu.
  • Unterhaltungs-Websites (Snopes, Digg, YouTube, ect.) ebenso.

Ist das praktikabel? Aus meiner Sicht ein klares Jein. Dennoch werde ich die digitalen Ströme, denen ich meine Aufmerksamkeit schenke, neu ordnen. Problematisch ist hier nur, dass der Computer und das Web bei mir zur Arbeit, zur Kommunikation und zur Zerstreuung verwendet wird, da ich mich von meinem Fernseher getrennt habe und nur äusserst ungern telefoniere. Ferngesehen wird auch auf dem Computer nicht, Radio gehört schon. Ab und an spiele ich auch. So werde ich Mayers Vorschläge jedenfalls für mich umsetzen:

  • Gestartet habe ich heute nach dem Aufstehen. Das neue Regime, in dem ich mich zwinge effektiver mit den digitalen Informationsströmen umzugehen und sie neu zu evaluieren, sollte bis Sonntag den 10ten Januar andauern. Dann werde ich mir evtl. mehr gönnen aber auch hoffentlich einiges beibehalten.
  • E-Mails werden nur noch morgens oder abends (vorzugsweise nur noch abends) geschrieben und beantwortet.
  • Mobiltelefone werden zum Telefonieren benutzt – das ist nicht weiterhin schwierig. SMS-Textnachrichten waren noch nie ein Fall von mir und telefonieren ist ohnehin nicht meine Stärke. Mein Mobiltelefon benutze ich hauptsächlich als Stoppuhr. Das bleibt so. Ein Smartphone besitze ich nicht.
  • Soziale Netzwerke – das ist schwierig. Ich beziehe viele Nachrichten über Twitter. Twitter als Morgen- und Abendlektüre, inklusive einiger gelegentlicher Nachrichten meinerseits zu diesen Zeiten, scheint mir hingegen angemessen. Bei Facebook werde ich mir ein abendliches Spielchen FarmVille jedoch nicht verwehren. Aus der Mafia bin ich heute bereits ausgetreten. Andere Social Games spiele ich nicht. Da meine Tochter jedoch auf meinem Benutzerkonto Happy Aquarium – so ganz und gar nicht mein Fall – und ebenso FarmVille spielen darf, werde ich sie dennoch weiterhin dabei beaufsichtigen
  • Was sonst noch bleibt:
    • YouTube und SlideShare Objekte werde ich nur noch dann ansehen oder als Lesezeichen speichern, wenn sie in einem Weblog-Eintrag von beruflichem Interesse erscheinen.
    • Delicious benutze ich als Lesezeichenverwaltung und das bleibt auch so.
    • Digg – darauf verzichte ich schlichtweg.
    • Flickr und andere soziale Online-Fotodienste: Schwierig. Ich werde vorerst nicht mehr meinen Kontakten folgen, jedoch weiterhin Flickr als persönliches Grafikarchiv nutzen. Dieser Punkt ist insofern heikel, da ich in den nächsten Tagen einige SEO-Tests bezüglich Image-Hosting unter verschiedenen Diensten durchführen möchte.
    • Alle anderen Dienste, die ich vielleicht vergessen habe, fallen in eine der oben genannten Kategorien (Einschränken, Verzichten oder berufliche Nutzung).

Was wird demzufolge mehr genutzt werden? Auch diesbezüglich habe ich so meine Vorstellungen:

  • Der Computer, bzw. das Notebook wird wieder als das genutzt, was es für mich sein sollte: Ein Instrument zum Sammeln und Bearbeiten von Ideen.
    • Ich werde mehr Weblog-Beiträge schreiben.
    • Auch werde ich öfters die (bösen) Google-Docs benutzen, da ich es leid bin meine festgehaltenen Ideen zwischen Notebook und Desktop abzugleichen.
  • Schon seit geraumer Zeit habe ich Ideen für einige SEO-Tests. Ich werde die Zeit nutzen, um einige davon durchzuführen – und darüber Weblog-Artikel schreiben, die ich mit Grafiken, die bei Flickr gehostet werden, illustrieren werde.

Über Dominik

Jazz und SEO, Web und Grüntee
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2 Antworten zu Lifestyle „Twenty Ten“: Nein zum „Ja“

  1. ghost schreibt:

    Hm, schwierig sich zu hypothetischen Dingen konkret zu äußern.
    Ich würde es mal so formulieren, die Festplatte der Menschen ist schon immer fragmentiert gewesen nur mit dem Unterschied, dass wir keinen Schreiblesekopf haben sonder multifunktionale Zugriffsmuster pflegen, allerdings werden die Informationen wohl auch mit 0en und 1en abgespeichert.

    Frage:
    Welchen Nutzen sollte man aus einer Defragmentierung ziehen?
    Fokussierung, Beständigkeit, Konzentration… ?

    Mag schon sein, dass die Menschen heute denken, dass die Innovationszyklen immer kürzer werden, aber man muss sich fragen ob die Innovationen von heute als wirklich tragende Veränderungen gewertet werden können.
    Sind die ganzen technischen Dinge nicht einfach nur Farben mit denen man seine Wände und Möbel anstreicht?

    Oder anders:
    Mehr als sich mitteilen kann man nicht und das hat man früher auch schon sehr intensiv gepflegt, in den unterschiedlichsten Kreisen, das ist somit keine Erfindung der Neuzeit. Wenn man nun die schnelle Verfügbarkeit von Informationen anführt, sollte man kritisch betrachtet zu dem Schluss kommen, dass die meisten ach so wichtigen Informationen, die uns als weltbewegend verkauft werden, recht nutzlos sind.

    Früher waren Informationen Dinge, die das direkte Überleben sicherten und somit sehr wertvoll waren.
    Heute kann man sich recht wenig davon kaufen, was in Zeitungen steht und man konsumiert fragwürdige Inhalte.

    Wenn man die Defragmentierung als Filter für Nützliches sieht, der Inhalte zusammenführt, dann ist die Beschränkung ein Fortschritt und Segen.
    Trotzdem sollte man, wie du angeführt hast, den Wert der Zerstreuung nicht unterschätzen. Es mag ja stellenweise sinnlos sein, aber welcher Sinn steckt darin dem Meer zu lauschen oder verträumt in einen Schäfchenwolkenhimmel zu schauen?

    Wo steckt das Potenzial der Informationen der Zukunft?
    Sind diese Informationen dann auch wirkliche Antworten?

  2. dominik schreibt:

    Ich stimme mit Deinem Kommentar voll überein, und lass mich mal die Erfahrungen, die ich aus meinem persönlichen Experiment gewonnen habe, anführen.

    Um es gleich vorweg zu nehmen: Viele meiner alten Verhaltensmuster haben sich längst wieder eingeschlichen. Ich habe mich beobachtet und mein Handeln neu bewertet und auch für gut befunden – eine Art Bestandsaufnahme. Ich habe einiges weggelassen und werde auch dabei bleiben, denn ich hatte dadurch Zeit für lange (und frostige) Spaziergänge zum Nachdenken. Ich habe erfahren, dass es für mich aber auch eine Entspannung (und keine Belastung) ist, wenn ich zwischendurch mal ein paar Minuten den Twitter-Stream verfolge und nicht nur zweimal täglich. YouTube und DIgg haben als alleinige Informatonsquellen jedoch nur einen beschränkten Unterhaltungs- und Informationswert für mich. Jeder teilt sich seine Zeitscheiben anders ein und ich bin da vielleicht eher ein bedachter Mensch.

    Oder anders ausgedrückt: Es gibt zur Zeit sehr viel Rauschen, das erst herausgefiltert werden muss, damit das Wesentliche erkannt werden kann.

    Information selbst hat keine Form und zukünftig werden wir vermutlich sehr frei in unserer Wahl sein, wie wir diese Information konsumieren werden. Die Filter (oder die Semantik) sind derzeit in Entwicklung und wir werden vermutlich bald sehen, was diese leisten können. Ob diese Informationen dann auch wirkliche Antworten sind, muss vermutlich jeder selbst für sich entscheiden, jedenfalls gibt es mehr Möglichkeiten, sich eine zweite oder auch dritte Meinung einzuholen.

    Auf Pitch gibt es übrigens ein klasse Video über die Art von Informationen.

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