Enrico Rava – Stefano Bollani Duo, Neumünster in Zürich 2010-01-22

Kirche-Neumünster-Zürich
Die Neumünster Kirche in Zürich – kalt war’s.

Ein Duo mit Enrico Rava tr und Stefano Bollani p und dazu noch das einzige Konzert schweizweit. Was könnte einen passenderen Rahmen dazu liefern als es in einer Kirche abzuhalten, dachte ich mir, als ich bereits (auf den Tag genau) vier Monate im voraus meine Karte löste – Kirchenschiff vorne, 60,– SFr (nicht gerade ein Pappenstiel, aber empfehlenswert). Im nachhinein muss ich sagen, dass die Kirche für dieses Konzert und zu dieser Jahreszeit wohl die beste Wahl war. Das Konzert war gut besucht, ich konnte kein Mischpult, keine Mikrofone, keine Lautsprecher finden, die Musik drang wirklich sozusagen unplugged an die Ohren, ein besonderer Genuss von einem Sitzplatz in der ersten Reihe aus, gerade mal zwei Meter weit von Podium und Musikern entfernt. Um diesen zu bekommen hieß es jedoch (auch diesmal) zeitig da sein im Allgemeinen und sich kalte Füsse holen – im Speziellen. Obwohl – entgegen meinen Befürchtungen – das Gotteshaus einigermassen temperiert war, wurden meine Extremitäten während des Konzerts nicht mehr ganz so warm wie sie anfangs einmal waren. Zusammenfassend fügte der Veranstaltungsort der Intimität eines Duos einen ungewöhnlichen Aspekt der Förmlichkeit hinzu und ich kam mir mehr als Zuschauer, denn als Beteiligter (wie es in einem kleinen Club durchaus der Fall ist) vor.

Das Konzert selbst dauerte gut 90 Minuten und verlief ohne Pause. Dass sich beide Musiker auf höchst proffesionellem Niveau bewegen, wurde spätestens dann klar, als die „Warmspielphase“ bereits im Verlauf des ersten Stücks vorbei war, wobei Rava selbst während des ganzen Konzertes sehr nachdenklich wirkte. Der gut 70-jährige Rava spielte souverän auf seiner Trompete, die bisweilen so weich wie ein Flügelhorn klang. Dass sein Vorbild Miles Davis ist, kam dabei deutlich zum Ausdruck, dennoch bediente er sich einer ganz eigenen Bandbreite an Emotionen, Anspielungen und Anekdoten und ich bin mir nicht sicher, was mir letztlich besser gefallen hat, die Musik oder das Schauspiel, das die beiden Musiker mit ihren Dialogen darboten. Denn Bollani (37) am Piano war – im Gegenteil zu Rava – an diesem Abend der Spassvogel, ohne dabei in die Trivialität abzurutschen. Bollani gautschte auf seinem Klavierhocker hin und her, stampfte mit den Füssen zu seinem Spiel auf das Podium oder benutzte einfach den Klangkörper des Pianos für eine Percussion-Einlage. Vielleicht hat er aber auch zu lange draussen gestanden und ihm war in seinen abgelaufenen Sneakers und seiner löchrigen Jeans schlichtweg auch kalt geworden.

Musik kann Türen im Kopf öffnen, hinter denen neue Entdeckungen oder längst vergessene Kostbarkeiten auf einen warten. Dieses Konzert hat keine Türen aufgestossen, jedoch ganz leise, fast unmerklich haben sich einige bei mir im Laufe der vergangenen Stunden seit gestern aufgetan und abschliessend lässt sich sagen, dass dieses gestrige Ereignis nachdenklich, ungestüm und doch subtil, geistreich, witzig und vor allem stilvoll war. Rava spielte gewohnt genial gut und Bollani ist ein an Jahren noch junger Pianist, der sicherlich noch einiges von sich hören lassen wird und darauf bin ich besonders gespannt.

Als ich dann heute, tags darauf beim Aufwachen Hip Hop/ Reggae-Klänge aus dem Wohnzimmer vernahm (nichts gegen Reggae und Hip Hop), wusste ich, dass dieser Tag problematisch werden würde und bei meinem Nachmittagsausflug hatte ich dann Paul Bley p, Gary Peacock b und Paul Motian dr auf dem Kopfhörer – Musik, die zu dieser gestrigen Erfahrung meiner Meinung nach besser passt.

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Eine Antwort zu Enrico Rava – Stefano Bollani Duo, Neumünster in Zürich 2010-01-22

  1. ghost schreibt:

    Das Album „Rava plays Rava“ hört sich gut an.
    Chris Botti zaubert auch schöne Melodien, allerdings etwas smoother.

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